Vier Zeichen, Jahrhunderte voller Bedeutung
Chinesische Redewendungen — 成语 (Chéngyǔ) — bestehen fast immer genau aus vier Schriftzeichen und sind fast immer in einem bestimmten historischen Ereignis, einem klassischen Text oder einer Volkslegende verwurzelt. Sie fungieren als komprimiertes kulturelles Gedächtnis: Ein einziger vierzeicheniger Ausdruck kann eine ganze Geschichte hervorrufen, die jeder gebildete Chinese kennt. Sie richtig zu verwenden, zeigt, dass man gebildet und kulturell bewandert ist; sie falsch zu benutzen, markiert einen als jemanden, der nur vorgibt, es zu sein.
Es gibt Tausende von Chéngyǔ, die aktiv verwendet werden. Wörterbücher katalogisieren über 20.000. Hier sind einige der am häufigsten begegneten, zusammen mit den Geschichten, die ihnen ihre Bedeutung geben.
Die Geschichten, die die Menschen tatsächlich kennen
画蛇添足 (Huà Shé Tiān Zú) — „Eine Schlange zeichnen und Füße hinzufügen“
Während der Zeit der Streitenden Reiche (475–221 v.Chr.) traten mehrere Männer in einem Wettstreit gegeneinander an, um einen Krug Wein zu leeren. Die Regel: Wer zuerst eine Schlange zeichnete, gewann den Wein. Ein Mann war weit vor den anderen fertig und fügte sich selbstgefällig noch Füße zu seiner Schlange hinzu, während er wartete. Ein anderer Mann vollendete seine fußlose Schlange und griff zum Wein, mit dem korrekten Argument, dass Schlangen keine Füße haben – somit hatte der erste Mann gar keine Schlange gezeichnet. Die Redewendung bedeutet, etwas zu verderben, indem man unnötige Verzierungen hinzufügt. Jeder Designer, Herausgeber und Projektleiter sollte diese kennen. Weiterführende Lektüre: Die chinesische Sprache: Warum sie gleichzeitig unmöglich und schön ist.
守株待兔 (Shǒu Zhū Dài Tù) — „Am Baumstumpf warten, um einen Hasen zu fangen“
Ein Bauer aus dem Staat Song sah, wie ein Hase frontal gegen einen Baumstumpf lief und starb. Begeistert von diesem Gratisessen gab er die Feldarbeit auf und saß jeden Tag bei dem Stumpf, in der Hoffnung, dass ein weiterer Hase dasselbe tun würde. Aber keiner kam. Seine Felder lagen brach. Die Redewendung beschreibt jemanden, der erwartet, dass ein glücklicher Zufall sich wiederholt, anstatt tatsächlich zu arbeiten. Sie erscheint im 韩非子 (Hán Fēi Zǐ), einem legalistischen philosophischen Text aus dem 3. Jahrhundert v.Chr.
对牛弹琴 (Duì Niú Tán Qín) — „Einer Kuh die Laute spielen“
Ein Musiker namens 公明仪 (Gōng Míng Yí) spielte einst ein meisterhaftes Stück für eine Kuh. Die Kuh kaute weiter Gras. Der Musiker war nicht schlecht; das Publikum war falsch. Diese Redewendung beschreibt, wie man seine Eloquenz oder Fähigkeiten an jemanden verschwendet, der sie nicht zu schätzen weiß. Der buddhistische Mönch 牟融 (Móu Róng) nutzte sie in einem Text, um zu argumentieren, dass buddhistische Konzepte für konfuzianische Gelehrte einfacher erklärt werden müssten – eine überraschend diplomatische Spitze.
塞翁失马 (Sài Wēng Shī Mǎ) — „Der alte Mann an der Grenze verliert sein Pferd“
Ein alter Mann, der nahe der Grenze lebte, verlor sein Pferd. Die Nachbarn boten ihre Anteilnahme an. „Woher wisst ihr, dass das kein Glück ist?“, antwortete er. Das Pferd kehrte zurück – mit einem wilden Pferd im Schlepptau. „Woher wisst ihr, dass das kein Unglück ist?“ Der Sohn des alten Mannes ritt das wilde Pferd, stürzte und brach sich das Bein. „Woher wisst ihr, dass das kein Glück ist?“ Als der Krieg kam, befreite ihn die Verletzung von der Einberufung, womit sein Leben gerettet wurde. Die Redewendung lehrt, dass Glück und Unglück miteinander verknüpft und unvorhersehbar sind – eine...